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    Texten | Manifest der Eurasiern | 03.03.2001 Напечатать текущую страницу

    EURASIEN UBER ALLES

    Das Manifest der eurasischen Bewegung

    Die Ideenkrise im modernen Rußland

    In der russischen Gesellschaft – besonders in der politisch-sozialen Sphäre – ist am Anfang des neuen Jahrtausends ein krankhaftes Defizit der Ideen fühlbar. Die Mehrheit der Menschen – darunter auch Herrscher, Politiker, Wissenschaftler und Arbeiter – lassen sich in ihren politischen Entscheidungen von einer Kombination aus augenblicklichen Faktoren, zufälligen Interessen sowie vergänglichen ephemerischen Aufrufen leiten. Die Folgen sind der Verlust des Empfindens eines Lebenssinns, der Vorstellung einer Logik hinter der Geschichte, von Aufgaben des Menschen und vom Waltens des Schicksals der Welt. Das soziale Verhalten des Einzelnen wird durch aggressive Reklame bestimmt. An die Stelle einer sinnvollen und verantwortlichen politischen Weltanschauung ist eine mehr oder minder durch „Public relations“ bestimmte Informationswelt getreten. Der Ausgang des Ideenkampfes wird durch den Umfang der Investitionen und die Qualität der Politpropaganda bestimmt.

    Dramatische Zusammenstöße der Völker, Kulturen und Religionen sind in „Shows“ verwandelt worden. Diese werden von multinationalen Kooperationen und Gesellschaften inszeniert, um von den wirtschaftlichen Interessen dieser Giganten abzulenken. Menschliches Blut, menschliches Leben, menschlicher Geist werden zu statistischen Abstrakta, zum Gebrauchswert, bestenfalls noch zur demagogischen Redewendung in süßlichem und zweideutigem Stöhnen, in dem der doppelte Standard versteckt ist. An die Stelle der totalitären Nichtinfizierung ist die totalitäre Gleichgültigkeit getreten. Die Mehrheit der politischen Parteien haben sich zu sozialen Bewegungen formiert und verfolgen nur noch Konjunkturziele. Praktisch nirgends kann man eine klare und konsequente Weltanschauung finden, die den Menschen aus dem Zustand der schlummernden Gleichgültigkeit befreien kann; erst eine solche Weltanschauung vermag dem Leben einen Sinn zu geben.

    Amerikanismus und das Bedürfnis nach der Alternative

    Das gefährlichste Projekt stellen die Ideen der konsequenten Liberalen dar. Diese Kräfte, die sich in geopolitischer Hinsicht an den USA und am Westen orientieren, haben sich die amerikanische Politik zum Vorbild genommen. Die amerikanische Wirtschaftsform wird von diesen Kräften ebenso übernommen, wie der Typus der amerikanischen Gesellschaft und des „amerikanische Kultur“ genannten Amerikanismus. Dieses Lager hat den Vorteil: Sein Projekt ist logisch und unwidersprüchlich, hier sind Theorie und Praxis eng verbunden. Liberale sagen entschlossen Ja zur Einheitswelt, die verwirrt, sinnlos, individualistisch, oligarchisch ist; zu einer Welt, die jede moralische, geistige und traditionelle Orientierung verloren hat. Diese Art von Welt versuchen die USA im globalen Rahmen zu schaffen. Die USA als Großmacht fühlen sich aufgrund ihrer technologischen und wirtschaftlichen Überlegenheit dazu berechtigt, „einzige Weltmacht“ (Zbigniew Brzezinski) zu werden. Evident ist jedoch, daß die Amerikanisierung Rußlands und der übrigen Welt, nur durch die sklavische Ergebenheit vieler Regierungen angesichts des US-Selbstverständnisses als „Weltpolizei“ möglich ist.

    Eine ablehnende Haltung zur amerikanischen Lebensweise und zur berüchtigten „Neuen Weltordnung“ ist gutzuheißen. Man sollte diese Ablehnung überall dort begrüßen, wo man sie antrifft. Aber das alleine ist zu wenig. Wir brauchen vielmehr ein aktives Gegenprojekt, eine realistische, konkrete und umfangreiche Alternative. Die Bedingungen am Anfang des neuen Jahrtausends unterscheiden sich radikal von den bisherigen. Menschen, die eine neue Zukunft wollen, statt jenes US-Chaos, das Amerika lenken kann und uns deshalb aufzwingen will, dürfen nicht nur Nein sagen, sondern müssen auch einen klaren eigenen Zivilisationsplan formulieren, ihn entsprechend vorbringen, belegen und schließlich auch verteidigen. Die einzige großangelegte, zusammenfassende und alternative Weltanschauung, die einer amerikanischen Hegemonie, und somit der einpolaren Welt, die Stirn bieten kann, ist die eurasische Lehre.

    Die Väter der eurasischen Lehre

    Historisch betrachtet ist die eurasische Lehre in den 20er Jahren als Versuch der Logik der politisch-sozialen, kulturellen und geopolitischen Entwicklung Rußlands entstanden. Die eurasischen Philosophen sahen diese Entwicklung zur Einheit als einen ununterbrochenen Prozeß an, der von Altrußland bis zur UdSSR reichte. Eurasische Philosophen sahen in der Dialektik des nationalen Schicksals des russischen Volkes und Staates eine historische Einheitssendung, die in verschiedenen Zeiten unterschiedlich auftrat. Die wesentliche These der früheurasischen Philosophen lautet: „Der Westen ist gegen die Menschheit gerichtet“, das heißt gegen die Völker der Welt, die großartige Verschiedenheit der Kulturen und Zivilisationen. Gegen das unitaristische, totalitäre westliche Modell zu sein heißt, gegen die wirtschaftliche, politische und kulturelle Dominanz des Westens zu agieren. Rußland – das alte orthodox-monarchistische als auch das sowjetische Rußland – waren nach eurasischer Philosophie das Bollwerk und die Avantgarde dieses Weltprozesses, die Zitadelle der Freiheit gegen die Hegemonie des gottlosen, säkularen, pragmatischen und egoistischen Auswuchses der westlichen Zivilisation mit ihrem Anspruch auf materielle und geistige Herrschaft. Aus diesem Grunde begrüßten die eurasischen Philosophen die UdSSR als eine neue paradoxe Form des ursprünglichen russischen Weges.

    Sie begrüßten nicht den Atheismus noch den Materialismus in der Sphäre der Kultur, sondern erkannten hinter der kommunistischen Fassade die archaischen nationalen Züge und fanden im sowjetischen Rußland das geopolitisch rechtliche Erbe der russischen Sendung. Die eurasischen Philosophen waren konsequente und überzeugte russische Patrioten. Sie kamen zu dem Schluß, daß die alten traditionellen Formen, in den sich die nationale russische Idee in den letzten Jahrhunderten entwickelt hatte, einen falschen Anschein erweckten: Die Losungen der Romanows „orthodoxe Religion“ und „absolute Monarchie“ waren nur eine konservative Fassade, hinter der sich ein völlig moderner, aus Europa kopierter Inhalt befand. Der sowjetische Patriotismus äußerte die nationale Idee in Begriffen der Klassenideologie, die den Kern des Zivilisationsproblems auch nicht ganz zeigten und den Sinn der historischen Sendung Rußlands nicht präzise definierten. Der weltliche Nationalismus der Romanows war formalistisch und imitierte europäische Regierungsformen. Der sowjetische Patriotismus ignorierte die nationale Elementarkraft, zerriß die Verbindung zur Tradition, verwarf den Väterglauben. Es war notwendig, eine Synthese, eine neue Betrachtungsweise zu entwickeln. Eine solche Betrachtungsweise entstand mit der eurasischen Philosophie in der politisch-sozialen „Eurasischen Bewegung“. Die Väter der „Eurasischen Bewegung“ erkannten zum ersten Mal das Positive in der multinationalen Natur (Reichsnatur) des Russischen Staates.

    Besonders aufmerksam wurden sie gegenüber dem Turkfaktor. Sie sahen die Rolle des Dschinghis-Khan-Erbes, die Staffel der tatarischen Staatlichkeit, die durch Moskau im 16. Jahrhundert wahrgenommen wurde, als eine entscheidende Hinwendung Rußlands nach Osten. In der griechisch-orthodoxen Überlieferung heißt gerade diese Zeit das „Heilige Rußland“, hier verwandelt sich Moskau in das Dritte Rom (nach Untergang zunächst Konstantinopels und anschließend des Byzantinischen Reiches). Die Sendung des Heiligen Rußlands äußerte sich in der Verteidigung der eurasischen Kultur, des ursprünglichen Gemeinwesens, das im großen und ganzen anders als der Weg katholischer oder protestantischer Länder im Westen war.

    Die eurasischen Philosophen stellten Rußland als die Avantgarde des Ostens dem Westen als eine Verteidigungsfront der traditionellen Gemeinschaften gegen die moderne, säkulare, rationalistische Gesellschaft gegenüber. Aber in ihrem jahrhundertelangen Ringen um die Erhaltung ihrer kulturellen Identität eignete sich Rußland – im Unterschied zu anderen östlichen Ländern – aktiv westliches Wissen an. Rußland übernahm technische Errungenschaften, entlehnte bestimmte Methodologien, aber jedesmal nur mit dem Ziel, dem Westen seine Waffen entgegenzusetzen, den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen. Im modernen Sprachgebrauch heißt das: Rußland ging den Weg einer „Modernisierung ohne Verwestlichung“. Darum konnte Rußland so lange, länger als andere traditionelle Gemeinschaften, effektiv dem Druck des Westens standhalten.

    Den Schluß, den die „Bewegung Eurasien“ daraus zieht, ist folgender: Rußland bedarf nicht bloß einer Rückkehr zu seinen Wurzeln, sondern einer Kombination konservativer und revolutionärer Grundlagen; Rußland muß sich aktiv modernisieren, sich entwickeln, sich teilweise der umgebenden Welt öffnen, dabei aber zugleich streng seine eigene Identität beibehalten und festigen. Aus diesem Grunde hat man die eurasischen Philosophen auch „orthodoxe Bolschewiki“ genannt. Diese bemerkenswerte Bewegung wurde bisher historisch nicht gebührend bewertet. Die eindrucksvollen Erfolge der marxistischen Ideologie machten raffinierte, konservativ-revolutionäre Weltanschauungen der eurasischen Philosophen nicht im operativen Sinne überflüssig. Ende der 30er Jahre ging der ursprüngliche Impuls der „Eurasischen Bewegung“ in Rußland und in der Umgebung russischer Emigration von Politikern und Ideologen auf Gelehrte über (vertreten in erster Linie durch den russischen Historiker Lew Gumilow).

    Der neueurasische Ansatz

    Die dramatischen Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Grenzen Rußlands, machten die Ideen der eurasischen Philosophen wieder aktuell und wichtig. Der Feind des Westens, die UdSSR, ging unter, und die marxistische Ideologie verlor ihre Anziehungskraft für die Menschen. Es entstand ein weltanschauliches Vakuum. Es war keine neue allgemeine Alternative gegenüber dem westlichen Geist und dem Liberalismus vorhanden. Es konnte auch keine echte Alternative entstehen. Vereinzelte und getrennte Fragmente – ein vorrevolutionärer Nationalismus, Klerikalismus, ein mechanischer Sowjetismus oder extravagante Phantasien des Ökologismus und Linksradikalismus – konnten keine Einheitsfront bilden. Es gab keine allgemein gültige weltanschauliche Grundlage, keinen kleinsten gemeinsamen Nenner. Situationsbedingte Annäherungen der Standpunkte verschiedener Gegner des Globalismus und des Amerikanismus brachten keine echte Weltanschauungssynthese zustande. In diesem Moment wandten sich besonders aufmerksame Geister, gute Herzen und gute Seelen dem eurasischen Erbe zu. Sie fanden hier die Heilquelle, den Keim der Lehre, die Weltanschauung, die vollkommen den Bedürfnissen des historischen Moments entsprach. Die neueurasische Lehre begann sich zu gestalten: als soziale, philosophische, wissenschaftliche, geopolitische und kulturelle Bewegung gegen Ende der 80er Jahre. Die Lehre ging vom Erbe der russisch-eurasischen Philosophen der 20er und 30er Jahre aus. Sie nahmen die geistigen Erfahrungen der altgläubigen Tradition, der russisch-orthodoxen Religion, auf und schöpften aus der sozialen Kritik der russischen Sozialisten. Die Leistungen der sowjetischen Etappe unserer Geschichte wurden neu bewertet. Ideologisch herrschte die Philosophie des Traditionalismus und der Konservativen Revolution vor, ferner geopolitische Methodologie und originelle revolutionäre Studien der „Neuen Linken“ (das heißt der intellektuellen Strömungen, die im Westen ausgearbeitet wurden, aber gegen die westliche Logik der Entwicklung orientiert sind). Dies alles vereinigt, bot eine ernste weltanschauliche Plattform. In der modernen russischen Gesellschaft konstituierte sich in eine wissenschaftliche Richtung, zu einem System sozialer und kultureller Initiativen. Die Folge daraus war, daß die neueurasische Lehre die Grundlagen der modernen russischen Geopolitik schuf.

    Aufgrund der mächtigen Kaderstruktur wurden Anhänger dieser Bewegung bald auf Machtpositionen und in Schlüsselministerien katapultiert. Schließlich gelang es durch die eurasische Lehre der Geopolitik, viele ernste, operative internationale Militär- und Wirtschaftsprojekte aufzubauen. Die neueurasische Lehre wirkte auf die moderne marode russische Politologie, Soziologie und Philosophie ein. Die neueurasische Lehre wurde allmählich zum wesentlichen konzeptionellen Instrument der russischen staatsbildende Strategie.

    Diese Strategie darf nicht von augenblicklichen politischen Prozessen, sondern muß von historischen, geographischen und Geschichtskonstanten abhängig sein. Die neueurasische Lehre wurde zu einer Grundlage der Avantgardeströmungen in der Jugendkultur, sie gab einen belebenden Impuls für die schöpferischen Kräfte, sie gab der Entwicklung der Kunst eine klare Richtung. Die neueurasische Lehre beeinflußte viele politische Parteien und Bewegungen des modernen Rußlands – wir finden große Entlehnungen aus dem weltanschaulichen Arsenal der neueurasischen Lehre in Programmthesen von Bewegungen, wie der „Einheit“, den Kommunisten (KPRF), der Partei Vaterland-Ganz Rußland (OVR), den Liberaldemokraten (LDPR), der „Bewegung Rußland“ und auch in vielen kleineren Bewegungen und Parteien. Diese Entlehnungen bleiben aber bruchstückhaft, denn sie verbinden sich mit anderen widersprüchlichen und somit retardierenden Elementen.

    Das neue sozial-politische Subjekt

    Jetzt muß man einen entscheidenden Schritt machen und der eurasischen Lehre eine konkrete, sozial-politische Dimension geben. Die neue Führung Rußlands kümmert sich ernsthaft um die Lösung der strategischen Probleme des Landes. Sie begnügt sich nicht mit primitiven und verderblichen Rezepten, die durch den Westen und durch deren russische Vertreter, an Einfluß in Rußland gewinnen sollen. Die neue Führung bedarf einer weltanschaulichen und sozial-politischen Stütze. Die heutigen Machthaber unterscheiden sich radikal von denen der spätsowjetischen Periode und auch von denen jener Epoche, die sich kritiklos für den banalen Liberalismus begeisterten. Eine neue staatliche Weltanschauung, ein neues russisches Muster für die russische Politik sind akut nötig. Dafür spricht auch die Tatsache, daß die heutige Macht dringend nach einer nationalen Idee sucht. Wenn für die Lösung der augenblicklichen Aufgaben das heutige politische Parteiensystem brauchbar ist (wir behaupten aber, daß es untauglich ist), so hat es bei der Betrachtung aus einer größeren Perspektive keine Chancen und bedarf der radikalen Reformierung.

    Dieses System entstand im Prozeß der Zerstörung des sowjetischen Modells und der Entstehung des liberal-demokratischen Staates nach westlichem Vorbild. Heute ist dieses System für Rußland jedoch absolut unbrauchbar. Notwendig sind Parteien und Bewegungen, die auf der Grundlage einer Weltanschauung handeln, die die Interessen der gesamten Bandbreite der Bevölkerung zum Ausdruck bringen: eine Weltanschauung, die mit dem Volke verbunden ist, die das Volk aufklärt und verteidigt, und nicht eine Ideologie, die das Vertrauen (und die Naivität) der Massen für ihr privates Interesse oder das einer Lobby mißbraucht. Alle Bedingungen für das Entstehen einer klaren, zielorientierten eurasischen Bewegung sind im neuen Rußland herangereift.

    Jene Leute, die am Anfang der neueurasischen Lehre standen, die die theoretischen Voraussetzungen und Grundlagen der russischen Geopolitik schufen, der eurasischen Philosophie, jene Leute, die die konservativ-revolutionäre Politologie und Soziologie formten, die viele Jahre lang den Kampf für Eurasiens Ideale geführt haben, die sich für die Wiedergeburt des russischen Volkes und unseres großes Staates aufgeopfert haben, diese Leute haben beschlossen, eine neue sozial-politische „Bewegung Eurasien“ zu bilden.

    Wer wird Teilnehmer der „Bewegung Eurasien“ sein?

    Wer wird aufgerufen werden, zu uns kommen und unsere Bewegung zu unterstützen? Wir sprechen zu jedem Russen, gebildet oder ungebildet, einflußreich oder bettelarm, Arbeiter oder Manager, notleidend oder erfolgreich, Russe oder Tatare, Griechisch-Orthodoxer oder Jude, Konservativer oder Modernist, Student oder Milizionär, Angehöriger der Landetruppen oder Weberin, Gouverneur oder Rockmusiker. Unsere Botschaft aber ist nur für jene, die Rußland lieben und sich ein Leben ohne Rußland nicht vorstellen können. Leute, die die Notwendigkeit einer ernsten Kraftanstrengung begreifen, einer Anstrengung, der wir alle bedürfen, um unser Land und Volk auf der Landkarte des neuen Jahrtausends zu sehen (was unsere Gegner nicht wollen). Wir müssen leidenschaftlich wollen, daß wir uns endlich mit unserer ganzen Kraft aufrichten, den Rücken gerade machen und unseren Organismus von den parasitären Auswüchsen befreien. Es muß uns wie Schuppen von den Augen fallen, daß wir in unserem Land, auf dem Kontinent, in der ganzen Welt unsere solaren russischen Ideale vertreten – die Ideale der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Treue zu den Ursprüngen.

    Das radikale Zentrum

    Die „Bewegung Eurasien“ fußt auf den Prinzipien eines radikalen Zentrums. Wir sind keine Linken und keine Rechten, wir sind kein gehorsamer sklavischer Sumpf, und keine schreienden Oppositionellen um jeden Preis. Wir vertreten die Ansicht, daß die heutige Macht in Rußland – in persona der russische Präsident Wladimir W. Putin – der Hilfe, der Unterstützung, der Solidarität und der Einigkeit bedarf. In der heutigen Zeit ist eine blinde Ergebenheit, eine unkritische Nachsicht mit den Machthabern nicht weniger (wenn nicht mehr) verderblich als offene Rebellion. Wir sind Zentristen in dem Maße, in dem der Präsident und die Macht zum Wohle des Volkes und Landes nicht populistisch und augenblicklich, sondern in der Perspektive handelt. Und wir werden an der Seite des Präsidenten eifrig und radikal bis zum Ende sein. Wir werden nicht nach den kleinen Fehlern suchen, werden alle Belastungen und Schwierigkeiten bejahen, wenn Rußland sich zum Ziel setzt, daß unser Land und die ganze Welt vor der fürchterlichen Gefahr, die vom Westen ausgeht, gerettet werden sollen. So haben unsere Vorgänger, die eurasischen Philosophen, die orthodoxen Fundamentalisten, das marxistische Regime unterstützt, weil es dem Westen – dem größeren Übel – widerstand. Unserer Zentrismus ist aber nicht passiv.

    Uns ist vollkommen klar, daß die heutige Macht in Rußland nach einer sachlichen Logik handelt, aber keine klare Vorstellung über strategisch grundlegende Ziele und über die philosophische und geistige Problematik des neuen Jahrtausends – das sehr gefährlich, riskant, bedrohend, zweifelhaft ist, das keine Lehre aus der Jahrhunderte blutiger Kämpfe und grausamer Leiden gezogen hat – besitzt. In diesem Sinne ist die heutige Macht verwirrt und bedarf der Hilfe, der Orientierungspunkte und Wegmarken, die der aktivste, energischste, klügste, idealistische, patriotische Teil unseres Volkes (dieser Teil muß in unsere Bewegung kommen, zum Kern der Bewegung werden) ihr geben muß. Wir halten die Reichslanze in Händen, und deshalb müssen die Machthaber der Stimme Eurasiens Gehör schenken. Diese Stimme ist kein serviles „Wie belieben?“ der brav-gefügigen, künstlichen Ohrensesselparteien. Es ist der mächtige radikale Ruf des Bodens, die Stimme der Generationen, das Brüllen aus den Tiefen unseres Geistes und unseres Blutes.

    Die Prioritäten der „Bewegung Eurasien“

    Unsere Bewegung vertritt die eurasischen Prinzipien auf alle Ebenen des Lebens. In der Sphäre der Religion bedeutet das einen konstruktiven solidarischen Tetralog der für Rußland traditionellen Konfessionen: der griechisch-orthodoxen Kirche, des Islams, des Judentums und des Buddhismus.

    Die eurasischen Zweige der Weltreligionen weisen viele Diskrepanzen zu den Ausdrucksformen dieser Religionen in anderen Teilen der Welt auf. Es gibt einen gemeinsamen Stil der eurasischen Geistlichkeit, der aber nicht die kulturellen Unterschiede oder die Ursprünglichkeit der Lehren schmälert. Das ist eine ernste und positive Grundlage für die Annäherung, für die gegenseitige Achtung, für die gegenseitige Verständigung. Dank der eurasischen Betrachtungsweise der Religionsfragen wird man viele interkonfessionelle Unstimmigkeiten umgehen und überwinden können. In der Sphäre der Außenpolitik plant die „Bewegung Eurasien“ einen umfassenden Prozeß der strategischen Integration. Die Wiederherstellung auf der Grundlage eines „Bundes unabhängiger Staaten des Eurasischen Bundes“ – das Analogon zur Struktur der UdSSR auf neuer Ideengrundlage, auf neuer wirtschaftlicher und neuer administrativer Basis.

    Die strategische Integration der innersowjetischen Räume muß sich allmählich auf größere Gebiete ausbreiten: auf die Länder der Achse Moskau – Teheran – Delhi – Peking. Die eurasische Politik muß für Rußland den Zugang zu den warmen Meeren öffnen, nicht auf dem Wege des Krieges und des Leids, sondern auf dem Wege des Friedens und der gutnachbarlichen Zusammenarbeit. Die eurasische Politik im Westen plant Vorzugsbeziehungen mit den Ländern Europas. Das moderne Europa ist – im Unterschied zu den Zeiten, in denen die Väter der neueurasischen Lehre deren Grundlagen erarbeiteten – nicht mehr die „Quelle des Weltbösen“. Die ungestümen politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben dazu beigetragen, daß sich diese Quelle weiter nach Westen verschoben hat: Heute heißt sie USA. Dieser Tage kann Rußland in Europa jene strategischen Partner finden, die an der Wiederherstellung ihrer früheren politischen Gewalt interessiert sind. Das eurasische Rußland muß in der Rolle des Befreiers Europa auftreten, und zwar als Befreier von der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen US-Okkupation. Die eurasische Politik Rußlands ist an aktiver Zusammenarbeit mit Ländern des Pazifikraumes interessiert. Die wirtschaftlichen Kolosse dieses geographischen Raumes müssen in der eurasischen Politik Rußlands den Orientierungspunkt für eine selbständige politische Entwicklung sehen und in dem Potential, das Eurasien durch seine Ressourcen zur Verfügung steht, die Chance für neue Märkte. Auf globaler Ebene will die „Bewegung Eurasien“ das gleiche wie die Antiglobalisierungsbewegung. Das äußert sich in dem aktiven und allgemeinen Konfrontationskurs, den die „Bewegung Eurasien“ in bezug auf die Globalisierung steuert. Die „Bewegung Eurasien“ verteidigt nämlich konsequent die großartige Mannigfaltigkeit der Völker, Religionen und Nationalkulturen.

    Alle antiglobalistischen Tendenzen sind zwangsläufig „eurasisch“. Wir sind die konsequenten Anhänger des „eurasischen Föderalismus“. Das bedeutet die Verbindung der strategischen Einheit und der ethnisch-kulturellen Autonomie, in einigen Fallen auch mit der wirtschaftlichen; der hierarchisch-gestaffelte Aufbau auf lokaler Ebene verbunden mit dem strengen Zentralismus in jenen Hauptmomenten, die mit den Interessen des Staates verbunden sind. Wir müssen die Traditionen des russischen Volkes wiederbeleben, zu der Wiederherstellung des Bevölkerungswachstums der Russen beitragen, und die Sinne für die dem Volke eigentümliche organische Geistigkeit und Ethik, die hohen Ideale, den lebendigen und den leidenschaftlichen Patriotismus wieder erwecken. Ohne die Wiedergeburt der russischen Nation hat das eurasisches Projekt keine Chance auf Verwirklichung. Diese Erkenntnis liegt unserer gesamten Weltanschauung zugrunde. Die „Bewegung Eurasien“ bedeutet in der sozialen Sphäre die Vorherrschaft des Prinzips des Sozialen über das Persönliche, die Unterwerfung der ökonomischen Modelle unter die strategischen, sozialen Aufgaben. Die ganze Geschichte der Wirtschaft Eurasiens zeigt, daß die Entwicklung der wirtschaftlichen Mechanismen hier einer Logik unterworfen ist, die eine Alternative zu den liberal-kapitalistischen und individualistischen Modellen der persönlichen Bereicherung, die sich im Westen auf der Grundlage der protestantischen Ethik entwickelt hat, darstellt.

    Eine liberale Logik der Wirtschaft liegt Eurasien fern; dies ist ein althergebrachter Zug unserer Völker, den man nicht zerstören darf. Das kollektive Gemeindeprinzip der Wirtschaft, das Hineinbringen des Kriteriums der „Gerechtigkeit“ in den Prozeß der Verteilung: Dies ist ein fester Zug unserer ökonomischen Geschichte. Die „Bewegung Eurasien“ beharrt auf der positiven Bewertung dieses Faktors, und auf dieser Grundlage gibt sie den Vorzug den sozial-orientierten Wirtschaftsmodellen. Die „Bewegung Eurasien“ bewertet die Wirkung der archaischen, althergebrachten Welt der Tradition als positiv. In der Entwicklung des Kulturprozesses sieht die „Bewegung Eurasien“ einen neuen Appell an das Archaische, dessen ursprüngliche kulturelle Motive ins Gewebe der modernen Formen eingeflochten werden sollen. Die Betonung liegt hier bei nationalen Motiven als den Quellen der Volkskunst und als Garant für die Fortsetzung und die Wiedergeburt der Traditionen. Das Eurasische ist eine neue und lebensfrische Weltanschauung, die sich vornehmlich an die Jugend wendet, an Leute, deren Bewußtsein noch nicht durch die chaotischen Sprünge von einem lebensfernen Theorienmodell zum nächsten, noch weniger angemessenen Modell verdorben ist. Das eurasische Ideal ist der mächtige, leidenschaftliche, gesunde und schöne Mensch, und nicht der Kokainsüchtige, der Bastard aus weltlichen Diskos, der asoziale Kriminelle oder die Prostituierte.

    Wir können andere, positive Werte anbieten, statt der Verehrung des Mißgestalteten und Krankhaften, statt des Zynismus und der Kriecherei vor dem kümmerlichen Ersatz des wirklichen Lebens. Wir erlauben nicht, daß unsere Kinder erschossen, vergewaltigt, erniedrigt, pervertiert, verkauft und rauschgiftsüchtig gemacht werden. Unser Ideal ist das Fest der körperlichen und geistigen Gesundheit, der Kraft und des Heldenmuts, der Treue und der Ehre. Die Ziele der „Bewegung Eurasien“ können nur dann verwirklicht werden, wenn sich viele Leute um sie scharen. Auch der Einzelne kann etwas tun, aber die Poesie ist, wie Lotréamont gesagt hat, die Sache aller! Das gilt erst recht für Eurasien: Es ist die Sache aller! Nun hängt alles von unseren Bemühungen ab. Niemand verspricht nur Siege oder die bequeme Erhöhung des Lebensniveaus oder bühnenreife Spektakel. Am Anfang steht immer die tägliche mühselige Kleinarbeit, die von außen kaum wahrzunehmen ist. Vor uns liegen Schwierigkeiten und Kämpfe, Verluste und Leiden, aber auch große Freude und ein großes Ziel!

    Januar 2001

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