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    Eurasismus | Eurasien und die Türkei | 16.10.04 Напечатать текущую страницу

    Eurasien und die Türkei

    "EURASIA. Rivista di Studi Geopolitici” Numero 1/2004

    Die erste Nummer der neuen geopolitischen Zeitschrift "Eurasia" ist erschienen. Die niveauvolle wissenschaftliche Zeitschrift wird ab nun drei mal jährlich erscheinen und verdient Beachtung über Italien hinaus. Vielleicht finden sich europäische Partner, die sich einem solchen Projekt gegenüber aufgeschlossen zeigen. Die Perspektive von "Eurasia" ist nicht nur auf die internationalen Beziehungen im engeren Sinn gerichtet, sondern darüber hinaus auch auf die kulturellen und spirituellen Verbindungen zwischen den Völkern der eurasischen Kontintentalmasse, die ebenso grundlegend die geopolitischen Verhältnisse der Vergangenheit und der Gegenwart bestimmen. In diesem Sinn soll einerseits die wissenschaftliche Beschäftigung mit den geopolitischen Gegebenheiten angeregt und zugleich die Notwendigkeit herausgearbeitet werden, eine spirituelle Einheit Eurasiens zu entwickeln, die die Vielheit der Völker und Kulturen umfaßt und an die Stelle der beiden falschen Ideologien des "Kampfs der Kulturen" einer- und des "Schmelztiegels" treten muß, um Eurasiens Stellung gegenüber der atlantischen Hypermacht zu behaupten.

    Diese Aufgabe soll durch Analysen und Reflexionen auf das Generalthema Eurasien in politischer, wirtschaftlicher, kultureller, spiritueller, geschichtlicher und wissenschaftlicher Hinsicht erreicht werden, aber auch durch die konkrete Betrachtung spezieller Themenstellungen. In der erste 144-seitigen Ausgabe wurde neben zwei grundsätzlichen Aufsätzen zum Verständnis der eurasischen Frage, begleitet von entsprechenden Rezensionen, das Schwerpunktthema "Türkei" gewählt, ein sehr gutes Objekt um die Relevanz der geopolitischen Betrachtungsweise Eurasiens zu erweisen.

    Die Türkei ist neben der großen eurasischen Macht Rußlands der kleine eurasische Staat, der ebenfalls von Europa nach Asien reicht (insbesondere nach der heutigen, etwas beschränkten geographischen Standardmeinung, die Europa nicht am Kaukasus, sondern am Bosporos enden läßt) und damit eine eurasische Brücke bildet, wie auch der Titel des Beitrages von Dott. Carlo Terracciano lautet (Turchia, ponte d´Eurasia). Der bekannte geopolitische Theoretiker ("Rivolta contro il mondialismo moderno") gibt einen Überblick über die türkische Geschichte und die geopolitische Lage der Gegenwart und spricht auch die zukünftigen Optionen der Türkei: Panturanismus, Islam, Europa an.

    Prof. Claudio Mutti vertieft die geschichtliche Betrachtung um einen wesentlichen Aspekt, der in der Diskussion zumeist unterschlagen wird: die starke römische Prägung des Osmanischen Reiches (Roma ottomana) seit der Eroberung Byzanz´. Der als Experte für die Tradition (im Sinne Guénons und Evolas) und den Islam bekannte Autor spannt hierzu einen Bogen von der Bedeutung Roms in der islamischen Überlieferung bis zur konkreten Herrschaftspraxis des Osmanischen Reiches in Südosteuropa, die den bedeutenden rumänischen Historiker Nicolae Iorga dieses als die "letzte Hypostase Roms" bezeichnen ließ. (Welche okzidentale Ignoranz wenn heute pauschal davon gesprochen wird, daß den islamischen Ländern das griechisch-römische Erbe fehlen würde, ebenso wie das christliche - das jedoch bereits im Koran enthalten ist - und das aufklärerische - das in Wirklichkeit auf die arabische Wissenschaft zurückgeführt werden muß.)

    Eine besondere Episode des Osmanischen Reichs wird von Martin A. Schwarz in Erinnerung gerufen: die messianische Endzeitbewegung des Sabbatai Zwi, des "Messias von Izmir", die 1666 zur islamischen (Schein-)Konversion gezwungen wurde (L´eredità di Sabbetay Sevi). Den sogenannten Dönme wird vielfach eine tragende Rolle bei der Zerstörung des Khalifats zugeschrieben, wie der Autor nebenbei zeigt reichen die Verbindungen jedoch nicht nur von Istanbul bis Jerusalem, sondern auch zum polnischen Judentum (Jakob Frank), und nach Wien und Paris, zur französischen Revolution (Franz Thomas von Schönfeld alias Moses Dobruschka).

    Zurück zur geopolitischen Gegenwart. Aldo Braccio informiert über zwei wichtige Projekte der Modernisierung, die von der türkischen Regierung vorangetrieben werden und beträchtliche geostrategische Bedeutung haben (Turchia: la potenza dell´acqua; Oledotti e gasdotti, per sé e per gli altri). Das eine, "Güneydogu Anadolu Projesi" (GAP) betrifft das Wasser (Trinkwasserexport und Energieversorgung), das andere die Öl- und Gasverbindungen.

    Der geostrategische Hauptaufsatz stammt von Tiberio Graziani, dem Leiter dieser Zeitschrift, der durch zwei Bücher zu den Kriegen gegen Serbien und den Irak hervorgetreten ist. Wir sehen uns nicht in der Lage hier die einzelnen Punkte dieses bedeutsamen Aufsatzes (Dall´Impero aall´Eurasia) nachzuzeichnen, denn Graziani geht mit wissenschaftlicher Sorgfalt sämtliche Faktoren der geopolitische Ausgangslage durch. Wir begnügen uns damit die drei Szenarien, die er für das Verhältnis Europas zur Türkei skizziert, zu referieren, und zwar in der zusammenfassenden Ausführung von Claudio Mutti

    ("La Turchia e l´Europa", zu finden auf der Homepage von "Eurasia): "Das erste Szenario ("euro-okzidental") ist dasjenige einer um Rumänien und Bulgarien, nicht aber um die Türkei erweiterten Europäischen Union. Von einem geopolitischen Gesichtspunkt bildet dieses Europa der siebzehn keine vollständige Einheit, weil sie des südostlichen Pfeilers (gerade die Türkei) beraubt sein würde und nur ein spärliches militärisches Gewicht im Mittelmeer haben würde. Das Europa der siebzehn würde weiterhin den Brückenkopf für die amerikanische Eroberung Eurasiens bilden. Die Türkei, außerhalb der Europäischen Union und von den USA benützt, würde ein ernsthafter Störfaktor der Destabilisierung Europas werden, weil sie die Spannung auf dem Balkan aufrechterhalten und die Integration Kroatiens, Serbiens, Mazedoniens, Bosnien-Herzegovinas und Albanien behindern würde.

    Und dies ist das Szenario, das sich verwirklichen würde sofern die Positionen der verschiedenen "France-Israel", Ratzinger, Islamophoben und Neo-Lepanto-isten aller Art sich durchsetzen würden. Das zweite Szenario ("euro-amerikanisch") geht davon aus, daß die Türkei der Europäischen Union beitritt um die atlantische Partei zu verstärken, die schon von Großbritannien, Italien, Polen und Ungarn vertreten wird, und die deutsch-französischen Versuche der Emanzipation zu sabotieren. Diese Strategie (die ihre Grundlagen in der Theorie von Huntington hat) sieht voraus, daß die turkophoben Positionen in einigen europäischen Ländern sich schließlich in der Weise verstärken daß die Turkophobie, zusätzlich zur sehr umfangreichen Kampagne der Diffamierung des Islam, einen geopolitischen Graben zwischen Europa und den muslimischen Ländern des Mittelmeerraumes erzeugt. Dieses zweite Szenario zeigt sich in einem Europa, das, die Türkei beinhaltend, geopolitisch vollständig sein würde; jedoch würde jene Einheit von der westlichen [atlantischen] Rolle untergraben, die der Türkei zugedacht ist. Auch in diesem Fall würde in der Folge Europa destabilisiert werden. Und dies ist das Szenario, das von Berlusconi, Fini, Panella, Bonino in Aussicht genommen ist. An dieses zweite Szenario schließt sich die Hypothese an, daß die Aufnahme der Türkei die Aufnahme des zionistischen Gebildes vorwegnehmen und rechtfertigen könnte, auch wenn man bedeutsame Tatsachen in Rechnung ziehen muß, wie die jüngsten diplomatischen Unstimmigkeiten die zwischen Ankara und Tel Aviv aufgetreten sind, ebenso wie die Weigerung der Türkei an der Aggression gegen den Irak teilzunehmen. Das dritte Szenario ("eurozentrisch") sieht die Verschiebung des europäischen politischen Schwerpunkts auf die Achse Paris-Berlin und den gleichzeitigen Wechsel der Türkei von der philoatlantischen zur kontinentalen Position voraus. So würden die USA einen wichtigen Verbündeten verlieren und Europa ein unverzichtbares Element gewinnen. Von dem fragilen gegenwärtigen, den angloamerikanischen Bedingungen untergeordneten Trilateralismus (London, Paris, Berlin) könnte zu einer Achse Paris-Berlin-Ankara übergegangen werden. Mit dem Einschluß der Türkei würde die Europäische Union, auch ohne der NATO, die Kontrolle der Meerenge erreichen und die Möglichkeit erhalten, von einem eigenen Zugang zu den Energieressourcen Gebrauch zu machen. Im Zusammenhang der Europäischen Union würden auch die Kurdenfrage und die Zypernfrage ihre Lösung finden. Dieses Szenario ist es, das Brzezinski fürchtet und die Eurasier erhoffen (vgl. das Interview von Alexander Dugin in der türkischen Zeitschrift "Zaman"). Vom europäischen Gesichtspunkt ist zweifellos dieses dritte Szenario das günstigste. Aber damit es realisiert wird, müssen wenigstens zwei Bedingungen erfüllt werden. Die erste besteht in einer weiteren Stärkung des politischen Lagers, das bei den letzten türkischen Wahlen triumphiert hatte und in der parallelenn Schwächungen der kemalistischen Machtzentren. Die zweite Bedingung besteht in der Abschwächung, wenn schon nicht in dem Verschwinden, der turkophoben und islamophoben Gefühl, die in Europa von den Anhängern des "Kampfs der Kulturen" verbreitet und kultiviert werden." Soweit die Zusammenfassung durch Claudio Mutti, an deren letzten Punkt eine Besprechung durch denselben Autor inhaltlich anschließt. Sie beschäftigt sich nämlich mit einem der eifrigsten antitürkischen Propagandisten (Alexander del Valle, La Turquie dans l´Europe). Dieser selbsternannte Islam- und Türkeiexperte, dessen zahlreichen peinlichen Fehler Mutti aufspießt, ist heute im Umfeld des französischen Likud und des B´nai B´rith aktiv, übt jedoch über zwei ehemals neurechte "Vordenker" einen absurden Einfluß auf die nationalistische - "identitäre" - französische Jugend aus, die auf dieser Weise als unfreiwillige Kreuzzügler des Uncle Sam rekrutiert wurde. Wie Mutti zeigt, sieht dieser Exponent der pseudogeopolitischen Argumentation, die in Wirklichkeit nur auf die Aktivierung von Phobien abzielt, durch einen EU-Beitritt der Türkei die geopolitische Kohärenz der US-Hegemonie in Europa gefährdet, denn weitaus lieber ist diesen Kreisen das Draußenbleiben der Türkei, die dann gleichwohl durch eine "privilegierte Partnerschaft" (wie dieses Projekt nun getauft wurde) an die EU gebunden werden soll, um sich als Störfaktor im Dienste Washingtons zu betätigen. Die zentrale Bedeutung der zukünftigen Rolle der Türkei ist auch Bestandteil des breiten Panoramas, das Alexander Dugin von der eurasischen Idee entwirft (L´idea eurasiatista), daneben gibt Dugin auch einen Einblick in die neuen Entwicklungen der russischen Außenpolitik, beispielsweise die Achse Moskau-Teheran (gegen die gegenwärtig die schwersten Geschütze von den USA/Israel aufgefahren werden), den Kaukasus, die fernöstlichen Beziehungen, usw. Der Aufsatz wird aber auch seinem Titel gerecht, insofern er den Eurasismus in seinen Grundzügen als anpassungs- und entwicklungsfähige Idee des Pluriversums entwirft, die dem universalistischen globalen Anspruch des Amerikanismus (Atlantismus) entgegentritt: "Die eurasische Idee ist ein globales revolutionäres Konzept, das dazu aufruft, eine neue Plattform für die gegenseitige Verständigung und Zusammenarbeit für eine große Ansammlung verschiedener Kräfte zu bilden: Staaten, Nationen, Kulturen und Religionen, die die atlantische Version der Globalisierung zurückweisen." Der Aufsatz von Alexander Dugin, dessen Person vorzustellen wohl unnötig ist (ansonsten ist in deutscher Sprache das Heft "Eurasien über alles" der Zeitschrift "Junges Forum" als Einführung geeignet), steht im übrigen am Beginn des Heftes, da er die umfassendste Darstellung des Themas gibt, wir sind hier nur den umgekehrten Weg vom speziellen Fall zum allgemeinen Konzept gegangen.

    Alexander Dugin ist der bedeutende Wiederbeleber und Weiterentwickler der eurasischen Idee, aber keineswegs der Erfinder. Der Abdruck eines Textes aus dem Jahr 1927 von Nikolaj S. Trubeckoj (Il nazionalismo paneurasiatico), eingeleitet durch ein historisches Porträt, kann daher auch diese Nummer abrunden. In diesem Text erscheint der Paneurasianismus als ein Versuch der Lösung der Nationalitätenfrage, die Sowjetrußland zu schaffen machte. An die Stelle Rußlands sollte Eurasien treten, da weder exklusiver Nationalismus noch illusionärer Internationalismus (als Auslöschung der nationalen Eigenheiten) eine Ausschöpfung des kontinentalen Entwicklungspotentials gewährleisten können. Trotzdem manche Elemente des heutigen Eurasismus sich, zumindest in diesem Aufsatz von Trubeckoj, nur rudimentär finden lassen, so ist doch ein zentrales Element, die Einfügung der Nationen in ein größeres Ganzes, das die Nationen nicht auflöst, aber auch nicht beziehungslose nebeneinander setzt, deutlich zu erkennen. Das wichtigste bleibt bei allem Wissen um geographische, ökonomische und politische Gegebenheiten die Idee, die in einen Großraum hineinstrahlt, um ihn zu definieren und zu einen. Eine solche Idee zu artikulieren und zu ihrer Verbreitung beizutragen, ist wohl die vornehmste Aufgabe dieser neuen Zeitschrift.

    M.S.

    "EURASIA. Rivista di Studi Geopolitici”

    Direttore responsabile: Tiberio Graziani Redattori: Aldo Braccio, Aleksandr Dugin, Tiberio Graziani, Claudio Mutti, Daniele Scalea, Martin A. Schwarz, Carlo Terracciano, Stefano Vernole

    Editore: Edizioni all’insegna del Veltro, Viale Osacca 13, 43100 Parma

    Homepage: http://www.eurasia-rivista.org Email: direzione@eurasia-rivista.org

    Einzelnummer: ? 18,00

    Abonnement (3 Nummern): ? 50,00

    Online-Bestellung: https://www.tilsafe.com/eurasia/abbonamenti.shtml

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